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Feuerfunke - Die Andere

SoSa

27. Juli 2025

Alle starrten mich an und sprachen nicht. Dann wandte sich eine nach dem anderen einfach um und verschwand im Wald

Alle starrten mich an und sprachen nicht. Dann wandte sich eine nach dem anderen einfach um und verschwand im Wald. Ich sah ihnen nach, bis sie mit den Bäumen verschmolzen. Was hatte ich nur falsch gemacht? Langsam drehte ich mich einmal um mich selbst. Meine Reisegefährten waren alle verschwunden, hinter mir blubberte es bedrohlich, vor mir lag der dunkle Wald und über mir konnte ich das Johlen und Schreien vernehmen. Was sollte ich jetzt tun?


Unschlüssig stand ich einfach nur da, als ich bemerkte, wie sich aus der Wolke über mir etwas löste. Schnell nahm ich hinter einem der zahlreichen großen Steine Deckung.


Zunächst konnte ich nicht erkennen, was da auf die kleine Lichtung geschwebt kam, auf der ich eben noch gestanden hatte. Doch langsam schälten sich die Konturen einer jungen Frau mit langen, wallenden Haaren und einem weiten Gewand heraus. So etwas hatte ich zuletzt auf einem Mittelaltermarkt gesehen. Sie stand jetzt mit dem Rücken zu mir und hielt einen Wischmopp mit einer Teleskopstange in ihrer Hand. Unwillkürlich musste ich auflachen. Das passte so gar nicht ins Bild. Doch schon im nächsten Augenblick erstarb mir das Lachen in der Kehle, denn die Fremde drehte sich blitzartig zu mir um, so dass es mir nicht mehr gelang, mich erneut hinter dem Stein zu verbergen. Die Teleskopstange hielt sie nun wie eine Waffe gegen mich gerichtet.


Ich erstarrte zu einer Salzsäule. Das konnte nicht sein! Mein Blick fiel in ihre, nein meine Augen – Augen wie meine? Diese waren jedoch im Gegensatz zu meinen als Smokey Eyes in dunkelblau mit Silber geschminkt. Aber es waren ganz sicher meine Augen, in die ich blickte.


Mein Blick wanderte weiter über die Nase zu den Lippen der Fremden. Ihre Lippen trug sie nachtblau. Nie würde ich einen solch auffälligen Lippenstift verwenden, aber dennoch, auch ihr Mund und ihre Nase sahen aus wie meine. Ich bemerkte, dass sie mich genauso anstarrte wie ich sie.


Keine von uns sagte ein Wort. Was soll man in solch einer Situation auch sagen? Wenn eine fremde Frau, die Dir total gleicht, plötzlich auf einem Wischmopp vor Dir auf eine Waldlichtung schwebt, ist ein fröhliches „Hi, ich freue mich, Dich kennenzulernen“ wohl nicht so angebracht.


Doch ich musste gar nicht länger nachdenken. Die Fremde kam mir mit einem lauten „Halt“ zuvor und reckte ihren Wischmopp noch weiter in meine Richtung. Dieser sah nun gar nicht mehr lächerlich aus. Eine orange glühende Kontur umgab seine Spitze und kleine Blitze zuckten mir entgegen.

Ich wich einen Schritt zurück. „Was bist Du?“ fragte die Andere mit klarer heller Stimme. Direkt schloss sich ein „Was willst Du hier?“ an.


„Was ich bin?“, wiederholte ich stotternd und nicht sehr intelligent die Frage der Anderen. „Ja, eine Sylphide, eine Nymphe oder gar eine Wendiga?“ Wendigo, das meinte ich schon einmal bei Harry Potter gelesen zu haben, und Nymphen kennt ja auch jede. Eine Sylphide, das war ganz klar eine Wissenslücke von mir, doch musste ich alle Charaktere aus so einem Rollenspiel kennen?


Aber all das erklärte noch immer nicht, wieso die Andere so aussah wie ich. Sogar ihre Haare hatten den gleichen roten Schimmer wie meine – nur dass ihre in großen Locken wallten, während meine bestenfalls als gewellt zu bezeichnen waren.


Ich merkte, während ich die Andere weiterhin anstarrte, dass sie langsam ungeduldig wurde. Nicht nur der Wischmopp war nun von einer orangenen Aura umgeben, diese hüllte bereits ihren halben Arm ein. „Was machst Du da?“, fragte ich und zeigte auf den Mopp. „Was denkst Du denn?“, erwiderte sie. „So kannst Du mir nicht zu nahekommen. Und jetzt antworte schon, was bist Du? Und wieso siehst Du aus wie ich?“ fragte sie erneut. Noch im gleichen Atemzug fügte sie hinzu „Naja, etwas farblos bist Du schon.“ „Was soll das denn heißen?“, begehrte ich auf. „Nur weil Du einmal in den ganzen Farbtiegel gegriffen hast und dazu noch Wallawalla-Gewänder aus dem Mittelalter trägst?“ Ich war wütend und meine Angst verflog. „Das sind die Festtagsroben der Liliths. Das weiß doch jede hier in der Gegend.“, entgegnete die Andere mir. Doch ich hatte mich inzwischen in Rage geredet. „Wie heißt Du überhaupt?“, ich konnte sie ja schließlich nicht immer als die Andere in meinem Kopf bezeichnen. „Liliane aus dem Geschlecht der Liliths“ kam es prompt und etwas herablassend aus ihrem blauen Mund. Dabei warf sie ihre roten Locken zurück und ich sah eine Tiara wie eine gefrostete Wald-landschaft mit einem Mond auf ihrer Stirn aufblitzen. „Nun, ich bin Liara.“, erklärte ich daraufhin. „Liara Hoffmann“, ergänzte ich noch. Daraufhin ließ Liliane den Mopp etwas sinken. Ich wusste gar nicht, dass mein Name Eindruck machen konnte. Aber ich nahm es als ein gutes Zeichen und setzte gleich nach: „Ich bin hier in so ein komisches Rollenspiel geraten. Du scheinst ja auch ein Teil davon zu sein. Können wir schnell ein paar Kapitel überspringen und Du sagst mir kurz, warum Du so aussiehst wie ich und wie ich hier wieder rauskommen kann?“

„Rollenspiel“, echote Liliane. „Du hast doch wahrhaftig keine Ahnung!“ Ihre Worte hingen wie ein verlorener Schall in der Luft.


Meine Doppelgängerin drehte sich um und lief einfach in den Wald hinein. Hinter ihr blieben kleine Nebelschwaden auf dem Boden wabernd zurück.

Verfluchte Rollenspiele! Was sollte ich jetzt tun? Sollte ich ihr folgen oder sollte ich nach den anderen aus meiner Reisegruppe suchen? Nun, meine Reisegruppe war ja anscheinend meine Spielgruppe. Und hatte so eine Spielgruppe nicht immer eine gemeinsame Aufgabe? Es war wohl besser, die anderen zu suchen, um möglichst schnell die Aufgabe lösen zu können, damit dieser Albtraum bald ein Ende hatte. Ich wollte nicht noch die Nacht hier draußen verbringen!

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