Der Moderator fragte Inga gerade: „Du bist erst sechszehn Jahre alt und für viele Menschen ein Vorbild. Bist Du stolz auf Deine Erfolge?“ Inga antwortete: „Nein, ich habe doch noch gar nichts erreicht. Zwar demonstrieren die Menschen überall in der Welt, doch die Politiker nehmen uns doch gar nicht ernst.“ Da passierte es wieder.
Herr Soerensen liegt mit aufgeschnittenem Bauch auf dem OP-Tisch. Der Raum ist weiß. Die Kittel der Ärzte sind weiß. Das Licht ist strahlend weiß. Nur das Blut ist rot. Das Blut von Herrn Soerensen. Aus seinem Bauch quellen Plastikschnüre. Das gehört da nicht hin!
„Entschuldigung, was fragten Sie gerade?“ Inga blinzelte irritiert in das Studiolicht. Sechsundzwanzig Scheinwerfer, vier Kameras und an der Weste des Moderators befanden sich fünf Knöpfe. „Mit sechzehn bist Du ja kein kleines Mädchen mehr, soll ich Dich mit Frau Karlsson ansprechen?“ „Nein, nein, bloß nicht“, lacht Inga, „dann würde ich mich ganz alt fühlen.“ „Hast Du Angst, dass man Dich vergisst, wenn Du älter bist?“ „Das wird passieren“, meinte Inga. „Aber ich bin ja auch nicht wichtig. Es geht um das große Ganze.“
„Inga, ich danke Dir“, verabschiedete sie der Moderator und wandte sich bereits seinem nächsten Gast zu. Inga stürzte aus dem Rampenlicht. Drei Türen nach links, drei Türen nach rechts. Zwischen jeder Tür waren zehn Fliesen in der Breite und acht Fliesen in der Höhe angebracht. Neunhundertsechzig Fliesen im gesamten Gang. Inga stieß die Tür auf. „War ich sympathisch genug?“, fragte sie ihren Vater, der das Interview auf einem kleinen Monitor verfolgt hatte. „Ja, absolut“, lächelte er sie an. Seine jüngere Tochter hätte er jetzt in den Arm genommen. Aber nicht Inga. Inga mochte das nicht. „Und wie viel Mal hat er Deinen Namen genannt?“, fragte er sie stattdessen. „Einundzwanzig Mal“, antwortete Inga ohne zu zögern. „Gut, dass er nicht gefragt hat, warum Du das tust“, sagte ihr Vater. „Aber das ist doch ganz einfach“, meinte Inga. „Weil ich mir wünsche, dass es weniger Müll und Umweltbelastung gibt.“ „Nein, ich meinte, wie alles begonnen hat“, hörte Inga ihren Vater aus der Ferne. Da war es wieder.
Atmet Herr Soerensen noch? Sein Brustkorb scheint sich nicht mehr zu heben und zu senken. Seine Augen wirken starr. Sein Bauch ist aufgeschnitten. Aus seinem Bauch quellen Plastikschläuche. Bunte Plastikschläuche. Das gehört da nicht hin!
Der Spiegel in der Garderobe wurde von achtundzwanzig Glühbirnen eingerahmt. Es standen acht Blumensträuße im Raum mit insgesamt sechsundsiebzig Blüten. Ingas Atem beruhigte sich. „Wie ist der Ablauf für morgen?", fragte ihr Vater. „Acht Uhr aufstehen, wie immer, roten Tee für mich, Kaffee für Dich. Um zehn Uhr kommt Herr Asmussen und auf dem Stundenplan steht Geschichte, Französisch und Mathe, wie jeden Mittwoch. Um vierzehn Uhr ist dann das nächste Interview.“ „Ich sehe, Du bist wie immer perfekt vorbereitet. Dann ist es jetzt Zeit ins Hotel zurückzukehren, damit Du ins Bett kommst.“ „Liest Du mir noch etwas vor?“, bettelte Inga. „Inga, Du bist sechszehn.“ „Bitte, wie immer!“
Am nächsten Tag lief alles wie immer. Herr Asmussen, Ingas Lehrer, reiste immer mit ihnen. In jedem Hotel mietete ihr Vater einen kleinen Konferenzraum, in dem Herr Asmussen einen Tisch mit Stuhl für Inga aufstellte und eine Tafel hinter sich. Dazu stand immer rechts ein Regal mit Büchern, einem Globus und einem Laptop. Inga hatte einen festen Stundenplan, jede Woche war wie immer. Nur Freitags nicht. Wenn sie nicht in Stockholm war, gab es in jeder Stadt eine Schule, die sie zum mitdemonstrieren einlud. Eigentlich war doch alles wie immer. Und nachmittags hatte sie immer Interviews. Da waren die Journalisten aller TV-Sender, die Inga Fragen stellten, oder die der Regenbogenpresse, aber auch Schülerzeitungen. Inga nahm sie alle ernst. Auch die Gespräche mit den vielen berühmten Politikern verliefen immer gleich. Die versprachen dieses gegen die Umweltverschmutzung zu unternehmen und jenes. Und Inga forderte sie immer auf mehr zu tun, da es nicht ausreichen würde. Sonst würde es wie mit Herrn Soerensen enden.
Herr Soerensen liegt auf dem Rücken. Er liegt ganz still. Sein Bauch ist aufgeschnitten. Aus seinem Bauch quellen bunte Plastikschläuche. Das gehört da nicht hin!
Inga blinzelt in das Scheinwerferlicht. „Wie war doch Ihre Frage?“ Der Reporter wiederholte. „Es ist bekannt, dass bei Dir Autismus diagnostiziert wurde. Wie hältst du dann diese Belastungen durch?“ „Am liebsten würde ich nicht im Rampenlicht stehen. Aber es muss sein, sonst ändert sich nichts. Am liebsten würde ich mich in die letzte Reihe setzen und mit niemandem sprechen. Aber es muss sein, sonst ändert sich nichts. Ich mag Veränderungen nicht, aber diese will ich!“, antwortet Inga ernst. „Aber warum Du? Es könnte doch jemand anderes übernehmen und Dein Leben wäre wie immer?“, hörte Inga den Reporter fragen.
Nein, nichts war wie immer. Früher war sie immer mit Herrn Sörensen spazieren gegangen. Herr Sörensen war schon alt, aber für sein Alter war Herr Sörensen noch fit. Sie waren immer in den Schlosspark von Dottingholm gegangen. Inga erinnerte sich, dass sie auf einer Parkbank gesessen hatte und sich ganz in ihr Buch vertieft hatte. Dabei hatte sie Herr Soerensen ganz vergessen. Und als sie später aufblickte, war er nicht mehr da. Inga lief suchend die Kieswege lang. Da, endlich sah sie Herrn Soerensen auf dem Weg liegen. Aber er sah anders aus. Er bewegte sich nicht mehr. Und dann wusste Inga nur noch, dass sich ganz viele Menschen um sie und Herrn Sorensen drängten. Das nächste, was sie dann wieder bewusst erinnerte, war der weiße Raum. Sie hatte die Tür aufgerissen. Das weiße Licht war grell. Herr Sörensen lag auf dem Tisch und bewegte sich nicht. Inga wusste, nie wieder würde er sie mit seiner weichen Schnauze anstupsen. Nie wieder würde er das Bällchen bringen. Nie wieder würde er bellend um sie herumspringen. Er lag bewegungslos auf dem Rücken und sein Bauch war aufgeschnitten. Aus seinem Bauch quollen Plastikfäden. Das gehört dort nicht hin!